Die Hafenhexe
Der Nebel kam von der Elbe, aber er verhielt sich nicht wie gewöhnlicher Nebel. Er kroch die Speicherstadt hinauf, tastete sich an den Backsteinfassaden empor und blieb in den Fensternischen hängen wie etwas Lebendiges, das nach einem Einlass suchte. Jette Petersen stand auf der Poggenmühlenbrücke und beobachtete, wie die Laternen eine nach der anderen erloschen, nicht weil ihre Birnen durchbrannten, sondern weil der Nebel das Licht verschluckte.
Sie spürte es in den Fingerspitzen — das Kribbeln, das ihre Großmutter als den sechsten Sinn bezeichnet hatte und das Jette lieber ignorierte, weil es ihr Leben nur komplizierter machte. Aber heute Nacht war das Kribbeln ein Brennen, und das Brennen hatte eine Richtung. Es zog sie zum Hafen, zu den alten Lagerhäusern, die seit Jahren leer standen und auf ihren Abriss warteten.
Im Schatten des Kaiserkais fand sie zwei andere Frauen, die sie nie zuvor gesehen hatte. Die eine war jung, kaum zwanzig, mit Augen, die im Dunkeln leuchteten. Die andere war alt, gestützt auf einen Stock, der aus keinem Holz geschnitzt war, das in Norddeutschland wuchs. Alle drei standen sie da und starrten auf das Wasser, das begonnen hatte, in die falsche Richtung zu fließen.