Die Giftmischerin
Diese Chronik stammt aus dem Nachlass von Marie-Henri Beyle (Stendhal) und ist gegenwartig im Besitz der Pariser Nationalbibliothek. Stendhal hat sie und viele andere aus alten Manuskripten abschreiben lassen, jedoch nie ubersetzt oder veroffentlicht. Die vorliegende Ubersetzung ist die erste. Unter dem Pontifikat Alexanders VII. glucklichen Angedenkens, im Jahre nach der Pest, bemerkte man in Rom voller Entsetzen eine neue Art von Ansteckung; eine Reihe von Personen starb an einer unerklarlichen Krankheit, ohne Fieber, ohne Veranderung, ja, was am meisten staunen hervorrief, mit den schonsten Gesichtsfarben. Man schloss daraus auf einen gewaltsamen Tod durch irgend ein geheimes Mittel; weitere Indizien aber waren nicht zu erbringen. Der Papst schien sehr betrubt daruber und beratschlagte mehrfach mit dem Gouverneur von Rom, Monsignore Baranzone. Dieser war ein Pralat von grosser Verschlagenheit und List, und solange er seines Amtes waltete, entrannen wenige Morder und Verbrecher den Handen der Justiz. Eines Tages fuhr er an der Kirche San Salvatore delle Capelle vorbei, wo die Leiche des kurzlich verstorbenen Gatten der schonen Cavamacchie aufgebahrt war. An der Tur begegnete ihm ein Hauspraelat des Papstes, der ihn grusste und ihm erzahlte, in der Kirche ware ein Toter, der an der neuen Krankheit gestorben sei. Der Gouverneur ging hinein und beobachtete an dem Toten alle von