Erster Act
Erste Scene. Roland, Claudius und Hedwig (kommen über die Stufen aus dem Hause). Hedwig. Wie ich Euch sage: der Burggraf, der uns immer ein lieber und gnädiger Herr war, hatte bei dem Vater einen kostbaren Schmuck bestellt, den er bis zum Johannistage liefern sollte. Nun wißt Ihr, liebe Brüder, wie sehr dem Vater eine solche Arbeit am Herzen lag. Seine Augen waren schwach, seine Brust seit lange angegriffen; dennoch saß er am frühen Morgen bei den glänzenden Steinen, und konnte sich bis spät in die Nacht von seinem Werke nicht trennen. Darum harrte ich mit Sehnsucht der Stunde, wo diese verderbliche Arbeit aus dem Hause wäre, bis endlich der Abend vor Johannes kam, und das wunderbare Werk fertig fand, wie wohl kein Goldschmied in Paris oder Florenz jemals ein schöneres geschaffen. Nun hatte aber des Kaisers Majestät bei dem Burggrafen eingesprochen, welcher ihn Tags darauf mit großem Gefolge zum Reichstag nach Aachen geleiten sollte. Das wußte der Vater, und hätte sich's nicht um Alles nehmen lassen, den Schmuck selbst auf die Burg zu bringen. So hört' ich ihn auch schon am frühen Morgen in der Kammer rumoren; als ich aber eintrat, stand er halb angekleidet und blaß und zitternd da, daß ich erschrack. »Ihr seid nicht wohl, Vater!« rief ich, »laßt mich den Schmuck zum Burggrafen bringen.« Er aber weigerte sich dessen und kleidete sich mit einer ängstlichen Hast fertig, die ich