Vorwort
Die Gebeine Voltaires und Rousseaus wurden, als die Revolution gesiegt hatte, ins Pantheon überführt, der Asche Diderots blieb diese Ehrung versagt. Daß er an Wirkung hinter Rousseau zurückstand, ist begreiflich; gegen ihn, den Propheten, war er nur ein Schriftsteller. Aber war Voltaire mehr als Schriftsteller? Nichts in Voltaire überragt die Talente Diderots, nicht der Dichter, nicht der Philosoph, nicht der Charakter und nicht die Menschlichkeit. Man darf sogar sagen, der Philosoph Diderot habe kühnere und geschlossenere Gedanken, sein Verhältnis zu Menschen sei hilfsbereiter, herzlicher, und seinem Charakter fehlten die Schlacken oder Flecken Voltaires. An Rousseaus elementarer Dämonie gemessen, besaß Voltaire nur die kleine eines beunruhigenden und gefürchteten Streiters – Diderot aber ist ganz undämonisch. Das mag der Grund für jene geringere Wirkung auf die Phantasie seines Jahrhunderts gewesen sein, wozu die Tatsache kam, daß manche seiner wesentlichsten Schriften zu seinen Lebzeiten nur handschriftlich umliefen und erst lange nach seinem Tod im Druck erschienen. Anständigkeit, Sachlichkeit, Liebenswürdigkeit, Einfachheit, alles Eigenschaften, die die Beschäftigung mit Diderot so anziehend machen, sind Auswirkungen des Begriffs Menschlichkeit; und doch fand diesen das Bewußtsein der Zeit in dem Psychopathen Rousseau und dem Zyniker Voltaire verkörpert – vermutlich gerade