Chapter

Die Geschiedenen

Die Geschiedenen. Von Hermann Schmid. Ein schöner, glanzvoller Frühlingstag war zu Ende gegangen. Zum ersten Male, seit der Winter sich über die Alpen zurückgezogen hatte, lag die Abendsonne warm und voll auf den herausbrechenden Knospen und Blättern; ein angenehmer Abendwind strich über die Gärten hin und trug den Duft der Blüthen, den kräftigen Wohlgeruch der frisch aufkeimenden Pflanzen in’s Weite. Es war, als ob Alles das Erscheinen des Frühlings und mit ihm ein Glück empfinde, an dessen Wiederkehr man gezweifelt, und das nun doch, und darum doppelt schön, ein wirkliches geworden. In der kleinen Laube eines rings von Häusern umschlossenen Gärtchens saß unter halbbegrünten Ranken von wildem Wein und Jelängerjelieber ein rüstiger Mann von ernstem Ansehen, an dem nur die etwas stark weißschimmernden Haare verriethen, daß er bereits auf der Mittagshöhe des Lebens angekommen war. Ohne diese hätte weder der feurige, nur etwas unruhige Blick, noch die straffe Haltung darauf schließen lassen. Auf dem Tischchen vor ihm lagen Schriften ausgebreitet, in denen er einige Zeit mit Eifer las und sich verschiedene Bemerkungen daraus aufzeichnete; bald aber schien diese Beschäftigung ihre Anziehungskraft zu verlieren, denn die Hand ließ den Stift achtlos entgleiten und erhob sich, um die Stirne zu stützen, die sich ihr schwer entgegen senkte. Nach dem tiefen Ernste in den Zügen zu

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