Die Religion daheim und in der Schule
Es war noch in Schitomir. Ich war noch nicht aufs Gymnasium gekommen, als zu uns einmal ein älterer Herr im grauen Militärmantel, mit dickem schneeweißem Schnurrbart und glattrasiertem Kinn zu Besuch kam. Das war der Gatte meiner ältesten Tante von mütterlicher Seite, Kasimir Kurzewitsch, der gewöhnlich nur kurz »der Hauptmann« genannt wurde. Er war Pole und Katholik, hatte aber im russischen Heere gedient, sodann im Forstdepartement, wo er als »Hauptmann des Stabes bei der Forstabteilung mit Uniform und Pension« den Abschied nahm. Sein Rock war nach militärischem Schnitt gemacht, mit weißen Epauletten, kurzer Taille und kurzen Schößen, so daß Onkel Hauptmann darin wie ein hochaufgeschossener Gymnasialschüler in vorjähriger Uniform aussah. In dem steifen Kragen mit Posamenten saß wie erstickend sein hektisch roter Greisenkopf mit dem langen weißen Schnurrbart. Am Tage seiner Ankunft, nach dem Mittagessen, als der Vater sich wie gewöhnlich mit seiner Pfeife im Munde hingelegt hatte, trat der Hauptmann in kurzem Zivilrock zu ihm ins Zimmer und begann von seiner Reise nach Petersburg zu erzählen. Dazumal war eine Reise aus der entlegenen Provinz nach der Residenz keine Kleinigkeit, und der Hauptmann war ein vorzüglicher Erzähler. Bekanntlich ist das eigene Interesse des Erzählers für seinen Gegenstand die Hauptbedingung der Wirkung, die er auf die Zuhörer ausübt. Onkel Hauptmann