Chapter

Die Gerechtigkeit Gottes

Unser Herrgott macht's den Menschen selten recht: er schenkt ihnen bald zu wenig, bald zu viel. Der Graf Norbert im Hattengau und seine Frau hatten schon lange einen Sohn erhofft und erbetet, da kam Frau Jutta am Pfingstsonntage 1265 mit Zwillingen nieder, und es waren zwei Knaben. Einer wäre vorderhand genug gewesen; doch nahm man nun auch den überreichen Segen mit Dank und Freude hin. Die beiden Sonntagskinder waren stark und gesund und sahen sich so ähnlich wie ein Ei dem anderen. Die Amme schlang darum dem älteren sofort ein rotes Bändchen um den linken Arm, auf daß er mit dem jüngeren nicht verwechselt würde und nicht später ein Streit entstünde über das Altersvorrecht. Denn der Erstgeborene sollte die sämtlichen großen Lehensgüter des Hauses erben. Nach dem frommen Brauche der Zeit wurden die Neugeborenen schon am ersten Tage ihres Lebens getauft; der ältere auf den Namen Walram, der jüngere auf den Namen Gunther. Die besondere Liebe der Mutter wandte sich alsbald dem kleinen Walram zu, dem Glückskinde, welches so gescheit gewesen war, zuerst zur Welt zu kommen. Es ist etwas Eigenes um das Glück: wir schätzen es am höchsten, wenn wir oder andere es am wenigsten verdient haben. Auch der Vater fand den Stammhalter, den er öfters zärtlich ansah, weit kräftiger und schöner als den Nachgeborenen, welchen er kaum eines Blickes würdigte. Übrigens wußte er mit beiden Kindern noch

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