Die Geliebte Friedrichs des Schönen
Ein Tag im Mai war es, an dem Johanna von ihrem Bruder nach Mauerbach geleitet wurde. In Weidlingau verließen sie die Eisenbahn, bekamen einen Mietswagen und fuhren die lange ansteigende Waldstraße dahin. Die Sonne strömte mit sanfter Kraft durch das junge Laub, die Wiesen lagen da, wie von einem kindlichen Lächeln überbreitet. Und von den blauen Bergen ringsum kam ein zärtliches Lüftchen herabgeschwebt. Der Hofrat sagte zu seiner Schwester: »Siehst du, wie schön es hier ist.« Er sagte es in einem Ton, als habe er die ganze Landschaft hier zurecht gemacht, als habe er persönlich den Frühling darauf veranstaltet, aus Großmut, um seiner Schwester willen. Johanna schwieg. Ihre Augen blinzelten 10 der Sonne entwöhnt, und ein gedankenleeres Lächeln saß kümmerlich in all den lederbraunen Falten ihres Gesichtes. Den Hofrat machte es diesen Vormittag unruhig, keine Antwort zu hören. Er begann dringender: »Die frische Luft hier heraußen . . . die wird dir gewiß gut tun . . .« Johanna merkte an seiner Stimme, daß sie jetzt etwas reden müsse. Gehorsam sagte sie: »Ja.« Sie fuhren weiter und saßen schweigsam nebeneinander. Diese letzte Stunde erfüllte den Hofrat mit Ungeduld. Er wünschte, es solle schon alles erledigt und vorüber sein. Er malte sich's aus, wie das dann angenehm für ihn sein werde, allein im Wagen hier durch die Wälder zu kutschieren. Eine kleine Sehnsucht nagte und keuchte