I
Ein Pferdebahnverhältnis Der Assessor Otto Cremmen war unzufrieden mit sich selbst. Denn er ertappte sich darauf, verliebt zu sein. Seit neun Jahren, seit seinem zwanzigsten Geburtstag also, hatte er Vater und Mutterstelle an sich vertreten und sich jedes Mal, wenn ein hübsches Gesicht ihm gefiel, vor den Spiegel gestellt und mit väterlicher Weisheit und zugleich mit mütterlicher Sorge zu sich gesagt: ›Otto, verplempere dich nicht.‹ Und sollte er jetzt wirklich so weit sein? Wieder stellte er sich vor den Spiegel seiner möblierten Stube und schnitt ein verlegenes Gesicht Denn ihm war, als ob sein Spiegelbild selbst verlegen wäre und ihm sagen wollte: ›So rede doch nicht, Otto, du verplemperst dich ja doch.‹ Auch mit seinem Äußeren war der Assessor unzufrieden. Einen guten Nickelkneifer hatte er auf der Nase sitzen; weil er aber eigentlich sehr scharfe Augen hatte, störte ihn das Ding immer noch, nach jahrelangem Gebrauch. Einen tiefen Hieb hatte er als Student über die linke Wange gekriegt und hatte die Wunde absichtlich nicht heilen lassen, sie vielmehr ganz gemein misshandelt. Umsonst, sie war doch beinahe unsichtbar. Den Scheitel hatte er sich durchgezogen, wie alle seine kahlköpfigen Freunde, durch deren Haarreste sich das breite Weglein hinzog wie eine märkische Landstraße zwischen winterdürren Ebereschen. Aber sein üppiger Haarwuchs ließ keinen richtigen Assessorscheitel