Erstes Kapitel
Es ist die Stimme ihres Mannes, liebenswürdiger als sonst. Aber doch mit dem ungeduldigen Unterton, den er ihr gegenüber nie ablegen kann. Alles fliegt an ihr, ihre Finger gehorchen ihr nicht. Da schließt ein Haken nicht, dort guckt ein Band hervor. Sie fürchtet wie immer seinen kritischen Blick, weiß, daß er nie zufrieden mit ihr ist. Aber heute ist der Ausnahmetag. Ihr Hochzeitstag. Ihrer. Er hat viele Hochzeitstage – wenn Hochzeitstag der Gedenktag ist erster körperlicher Vereinigung. Aber nein, daran will sie heute nicht denken. Sie zählt nur rasch: sieben, acht – nein, zehn Jahre sind es. Und immer ist es ihr wie ein Wunder, daß noch ein Jahr hinzugekommen ist. Freilich hat sie sich geduckt – hat alles in den Kauf genommen, nur daß er nicht fortging, und daß sie, von allen geachtet und geehrt, die Frau Fabrikbesitzer Doktor Antonie Kemper blieb. Es lag ihr im Blut, das Bürgerliche, Stabile. Und sie mußte es aufrechthalten, um jeden Preis... Zehn Jahre. »Also wie ist es? Ich muß gleich 'rüber in die Fabrik!« Sie denkt so rasch, daß sie die Worte innerlich nicht formt, sondern nur das Bild sieht: warum drückt er nicht auf die Klinke und kommt herein?... Aber er kam ja nie herein, wenn sie noch bei der Toilette war. Auch am Abend selten, wenn sie schon im Bett lag und mit groß geöffneten Augen lauschte, ob die Haustür unten zuschlug und seine Schritte leicht und eilig über