Kapitel 1
Ihrer teuren, allzeit opferwilligen Schwester Marie Waack gewidmet. Es war im Jahre des Heils 1521 zu Ende des Monats Februar. Hell schien die Sonne über der alten freien Reichsstadt Lübeck und weckte zu neuer Lust und frischem Hoffen die Herzen, die in des Winters Bann gelegen hatten und nun von Bangen und Sehnen nach neuen, großen Dingen erfüllt waren. An der Straße bei St. Johannis, die man damals Rosengarten hieß, standen zwei niedrige, schmale Giebelhäuser so neben einander, daß nur eine einzige Mauer sie trennte. Dieselben waren sehr unscheinbar. Zur Rechten der einen Hausthür und zur Linken der andern lag ein Stübchen; Küche und Flur waren eins, und im Hintergründe führte eine sehr steile Treppe ins obere Stockwerk. Dieses bestand aus einer kleinen Stube nach der Straße hinaus und einer noch kleineren nach dem engen Hofe zu. Darüber befand sich der Boden, zu dem man auf einer Leiter gelangte. Diese Giebelhäuser waren früher von zwei Brüdern erbaut und bewohnt worden; beide hatten das ehrsame Schuhmacherhandwerk betrieben, und weil sie allezeit in treuer Liebe zu einander gestanden, so war das Pförtchen in der Mauer, welche die Häuser trennte, niemals verschlossen. Nach ihnen hatte ein anderes Geschlecht Besitz von den Häusern genommen, wie es so in der Welt gehet. Das zur Rechten erbte in der Familie des Erbauers weiter, und es hatte allezeit ein Schuster darin gewohnt,