Einleitung
Die weitverbreitete Meinung von der Zeit als der gerechten Richterin und treuen Bewahrerin menschlicher Verdienste und Schöpfungen ist ein schöner Wunschtraum. Von der altgriechischen Hochkultur sind nur gigantische Trümmerfelder übriggeblieben; auch von der hellenischen Literatur besitzen wir lediglich spärliche Reste. Die dem Dichter Homer zugeschriebenen Epen Ilias und Odyssee sind ein ganzes Zeitalter hindurch über dem römischen Dichter Vergil und seiner Äneis fast ganz vergessen worden. Die Werke unserer großen mittelalterlichen Dichter haben Jahrhunderte auf ihre Wiederentdeckung warten müssen. Aber auch in der Neuzeit, die durch den Buchdruck und andere technische Mittel der Wortkunst rasche und weiteste Verbreitung ermöglicht, kommt es vor, daß echtes Dichtertum unbegreiflich schnell dem Gedächtnis der Nachlebenden entschwindet. Wie die Schweiz ihren Gotthelf, ihren Gottfried Keller, wie Mecklenburg seinen Fritz Reuter hat, so ist unserem Thüringer Land und Volk in Marthe Renate Fischer eine Darstellerin geschenkt worden, die man mit Recht »klassisch« genannt hat. Dennoch war schon sechsunddreißig Jahre nach ihrem Tode die Erinnerung an sie und ihr Werk beinahe ganz erloschen. Als im März 1962 das Buch »Mit den Augen der Liebe«, eingeführt von unserem Landesbischof D. Dr. Mitzenheim, herausgegeben von der Pressestelle der Evangelisch-lutherischen Kirche in Thüringen,