Das Letzte Bild
Auf dem Dachboden fand Sophie das Gemälde. Es war mit einem Tuch bedeckt, an die Wand gelehnt, hinter Koffern und Kisten versteckt, als hätte Else es dort hingestellt, um es zu verbergen, und es doch nicht übers Herz gebracht, es ganz verschwinden zu lassen. Das Bild zeigte eine Frau am Fenster, von hinten, das Gesicht abgewandt, das Haar offen, und draußen ein Herbstwald in Farben, die Sophie den Atem nahmen.
Es war kein Meisterwerk im technischen Sinne — der Pinselstrich war eigenwillig, die Proportionen leicht verschoben. Aber es war gemalt mit einer Liebe, die jede Ungenauigkeit in Schönheit verwandelte. R. hatte Else gemalt, nicht wie sie aussah, sondern wie er sie fühlte, und diese Empfindung war so lebendig, dass Sophie meinte, sie aus der Leinwand strömen zu fühlen wie Wärme aus einem Ofen.
Sophie stellte das Bild auf die Staffelei in Elses Wohnzimmer, dort, wo die Nachmittagssonne hereinfiel, und setzte sich davor. Sie weinte nicht, obwohl sie es erwartet hatte. Stattdessen holte sie ihren Skizzenblock hervor und begann zu zeichnen — das Haus, den Garten, die Kastanie vor dem Fenster, die gerade ihre Blätter verlor. Sie zeichnete, bis das Licht schwand, und als sie aufhörte, wusste sie zwei Dinge: dass sie das Haus nicht verkaufen würde und dass die Farbe von Großmutter Elses Augen im Herbstlicht Bernstein gewesen war, mit einem Stich Gold, den kein Pinsel der Welt