Die Briefe
R. war ein Maler gewesen, das verrieten die Skizzen, die manchen Briefen beilagen — schnelle, sichere Zeichnungen von Straßen und Gesichtern und Bäumen, die mit wenigen Strichen lebendig wurden. Er hatte Else in einem Lazarett kennengelernt, wo sie als Krankenschwester arbeitete und er mit einer Verwundung lag, die nicht heilen wollte, weil, so schrieb er, sein Körper sich weigerte, gesund zu werden, solange sie jeden Morgen sein Fieber maß.
Sophie las die Briefe in chronologischer Reihenfolge und sah zu, wie eine Liebe wuchs, die sich über Jahrzehnte erstreckte und nie gelebt wurde. R. war verheiratet, Else auch — zwei Ehen, zwei Familien, zwei Leben, die parallel verliefen und sich nur in diesen Briefen berührten. Sie schrieben über alles: über Bücher und Politik und Kochen und Kinder und die Farbe des Herbstlaubs in ihren jeweiligen Städten. Sie schrieben mit einer Zärtlichkeit, die umso ergreifender war, als sie sich nicht berühren konnten.
Der letzte Brief war vom dritten September zweitausendachtzehn, geschrieben in einer Handschrift, die zittrig geworden war, aber nicht weniger lebendig. R. schrieb: Ich habe heute Morgen die Kastanie vor meinem Fenster gemalt, zum tausendsten Mal, und zum tausendsten Mal habe ich mich gefragt, welche Farbe deine Augen im Herbstlicht haben. Ich habe sie nie gesehen, nicht im Herbstlicht. Das ist mein größtes Bedauern und zugleich mein
