Die falsche Kindbetterin
Die alten Herren sind auch einmal jung gewesen. Manche verstellen sich zwar und tun so, als wären sie schon als Großväter auf die Welt gekommen, kühl und weise und gemessen, aber sie haben die schönen Geschichten, die das Gegenteil beweisen könnten, wahrscheinlich nur vergessen. Andere, die ein lustigeres Gedächtnis haben, machen keinen Hehl daraus, daß es eine Zeit gegeben hat, wo ihnen die Mütze im Nacken saß und das Herz gewaltig hinter allerlei Mädchen herschlug. Mit solchen ist es lustig und lehrreich zu plaudern. Ich kannte einen alten Herrn dieser fröhlich aufrichtigen Art, als ich in München mit den »Modernen« zusammen feurige Reden wider die verächtliche Welt schwang, die Paul Heyse liest, und gleichzeitig für anderen Lesestoff sorgte, indem ich verwegene Gedichte und Novellen von mir gab. Dieser alte Herr hielt zu uns Jungen, obgleich er ein königlich bayerischer Oberlandesgerichtsrat a. D. war. Er fand, wir seien gar nicht so schlimm, wie man uns nähme, und vielleicht nicht einmal so schlimm, wie wir uns gaben. Ja er meinte sogar, seine Generation sei ein gut Teil schlimmer gewesen, als wir, und er pflegte hinzuzufügen: Gott lob! Er meinte nämlich, eine gewisse Portion Untugend sei direkt ein jugendliches Reservatrecht, und wie er, der im übrigen kein Partikularist war, es nicht wünschte, daß das bayerische Wesen allzuviel norddeutschen Drill annähme, so wollte er