1. Morgens
Wenn mir manchmal in einer ruhigen, gemütlichen Stunde, in der die Minuten vorüberschleichen, wie die Lämmlein am Himmel, so friedlich und stille, die gute schwäbische Reichsstadt, mein liebes Heilbronn, vor die Seele tritt, wie sie vor so und so vielen Jahren gewesen ist, da weiß ich oft nicht: möchte ich lieber lächeln oder weinen. Damals freilich sah's noch anders aus als jetzt! Hohe, graue Stadtmauern umschlossen das Herdlein der Häuser, die sich fast ängstlich ineinander hineingedrängt hatten; in den halb ausgetrockneten Stadtgraben, diesen Bildern des Friedens, sangen abends die Frösche ihr trauliches Lied und ließen sich kaum von den mutwilligen Buben unterbrechen, welche Pfützen und Lachen redlich mit ihnen zu teilen suchten; und über Mauern und Gräben herein schaute der alte Wartturm und das Häuschen daneben und lockte Blick und Gedanken zu sich hinauf; welches schöne Heilbronner Kind aus jener Zeit wußte nicht davon zu sagen? Die Mauern hat man jetzt eingerissen und die Gräben haben sie aufgefüllt; die Häuser rücken auseinander, als ob sie sich voreinander fürchteten; die Straßen werden länger und gerader; nur der Wartberg sieht noch auf sie herunter mit Turm und KnopfDer Turm auf dem sog. Wartberge, dem Hauptvergnügungsorte der Heilbronner, hatte das Eigentümliche, daß er auf dem Dache eine kolossale kupferne hohle Kugel trug, »Knopf« genannt, in welcher zwölf