I.
Der zweite Offizier des schönen Passagierdampfers »Rostand«, Herr Julius Degenrot, Leutnant der Reserve und Inhaber zweier Rettungsmedaillen am Bande, stand hoch oben auf der Kommandobrücke und blickte träumend hinab auf das jetzt spiegelglatte, im Vollmond wie geschmolzenes Silber flutende Meer. Herr Degenrot hatte die erste Wache; es war jetzt gegen drei Uhr morgens, also hatte er noch eine volle Stunde vor sich, bis man ihn ablöste. Es war Ende März und obwohl es während des ganzen Tages ungewöhnlich heiß gewesen war, wehte jetzt eine scharfe, durchdringend kalte Luft, und der Offizier war wirklich froh, seinen wärmsten Mantel mit heraufgenommen zu haben. In lebhaftem Tempo ging er auf der Brücke laut dröhnenden Schrittes hin und her und prüfte nach alter Gewohnheit jedesmal genau an derselben Stelle die unendliche Flut vor dem Bugspriet des Schiffes. Aber nichts, gar nichts wies darauf hin, daß diese Prüfung überhaupt nötig gewesen wäre; die See schlief ruhig und harmlos wie ein Kind und ließ sich vielleicht von goldenen Träumen umfangen, und in der ganzen friedeatmenden Weite ließ sich kein anderes Schiff sehen. – So hatte Degenrot vollauf Gelegenheit, an seine schöne Braut in Tokio, die er erst wieder vor wenigen Tagen dort zurückgelassen hatte, zu denken. Ja, sie war auch aller seiner besten und höchsten Gedanken würdig, dieses herrliche Mädchen! Und wie sonderbar hatte