Chapter

Die Entfremdung

Keine Schmerzen hatte sie mehr, als sie, weiß umhüllt, auf der Tragbahre lag, um in den Operationssaal gebracht zu werden. Sie empfand nur ein fremdes, ein stürmisches Mitleid mit ihrem armen Körper, aber so, als wäre es nicht ihr eigener, sondern der Leib einer andern Frau. Während man sie an irgend einem Spiegel vorbeitrug, erhaschte Gabriele einen Schein von ihrem Gesicht, von ihrem Kopf, den eine weiße Binde (wie eine Nonnenhaube) umschnürte. Das viele Weiß, fand sie, stände ihr gut. Trotz des furchtbaren Augenblicks überkam sie ein leidvolles Wohlgefallen an sich selbst: ›Jetzt bin ich nicht schlecht angezogen. Vielleicht würde auch Judith nichts einzuwenden haben ...‹ Der Assistenzarzt, der den Zug begleitete, glaubte, die Kranke wolle sprechen und könne es nicht. Da ergriff er ihre Hand und streichelte sie. Gabriele schmiegte sich in die Kraftströme, die von dieser gesunden und markigen Hand herfluteten. Als sie noch Kinder waren, sie und ihr Bruder, hatte Erwins Hand so oft die ihre gehalten. Die unruhige und gierige Knabenhand hatte Gabrieles Hand gedrückt, gepreßt, an ihr genascht, wie an einer Frucht ... Dieses Arztes harte Hand aber war so ruhig, so zuverlässig. Gabriele atmete tief. Die Hand tat ihr wohl. Nun lag sie auf dem Schmerzenstisch. Die Schwestern schlugen vorsichtig die Tücher zurück, mit denen sie bedeckt war: Wie ein Paket, in dem etwas Zerbrochenes

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