Erstes Kapitel
1. In einem Bogenfenster des erst kürzlich verschönerten Louvre saß zu Ende des Jahres 1625 auf einem mit rotem Sammet bekleideten Armstuhl eine junge Dame, in den großen viereckigen Hof hinabblickend, als ob sie jemandes Ankunft erwartete. Obwohl sie bereits 24 Jahre zählte und seit beinahe 10 Jahren verheirathet war, so konnte man sie doch für ein Mädchen von 19-20 Jahren Halten, so schön und blühend war ihr ovales Gesicht, so reizend ihr schlanker Wuchs. Ihr kastanienbraunes Haar neigte sich in geschweiften Bogen zu ihren großen Augen hinüber, ihr frischer roter Mund schien fast unmerkliche Seufzer zu hauchen und ihre kleinen Hände zupften an den Vransen eines kostbaren Tuches, welches von ihrer schönen Brust herabwallte. Es war Anna von Oestreich, Ludwig's XIII. Gemahlin. Die Königin schien ihre Umgebung gar nicht zu bemerken. Die alternde von Heinrich IV. getäuschte Marquise von Verneuil und die glänzende Herzogin von Chevreuse, vormalige Wittwe des verstorbenen Kronfeldherrn von Luynes, ragten unter den im Zimmer befindlichen Hofdamen hervor. Sie waren etwas vorwärts getreten und flüsterten mit einander, obgleich sie sich tödtlich haßten, weil der Herzog von Chevreuse immer noch ein Auge auf die Verneuil zu haben schien. Wie hingeworfen und ohne Grimasse lächelnd sagte die Herzogin leise: Eine schöne Frau unsre Allergnädigste! Scheint sie aber nicht beunruhigt zu sein und