1. Die Familie Seiler.
Heinrich Seiler wartete bereits eine Stunde vor der Tür der Kneipe auf seinen Vater. Hin und wieder hatte er es gewagt seinen struppigen Kopf, auf dem ein grüner, verschossener Filzhut saß, durch einen Spalt der Tür in den dunsterfüllten Raum hineinzustecken, aus dem lautes Stimmengewirr hervortönte. Dicht gedrängt umstanden die Arbeiter den Schenktisch, vor sich in den dickwandigen Gläsern den entnervenden Schnaps, der sie einmal in jeder Woche, am Tage der Lohnzahlung, ihr stets gleichbleibendes Elend vergessen machen sollte. — Heinrich Seiler wußte, daß sein Vater sich in der Kneipe befand. Daher wartete er mit jener gleichgültigen Ruhe, die er allen Vorfällen in seinem freudlosen Dasein entgegenbrachte, weiter an der Straßenecke, ging vor den beiden Schaufenstern des Lokals auf und ab und fror — fror. Der Frühjahrswind fuhr durch die Löcher seiner kurzen Jacke, seine Hosen, seiner Stiefel — dieser Stiefel, die nie ein Paar gewesen sein konnten. Denn der rechte, ein Schaftstiefel von ziemlicher Größe, entstammte einem Kehrichthaufen, der unlängst nach einem Umzug in dem Hausflur eines der feinen Häuser in der Hauptstraße gelegen hatte. Der linke Stiefel dagegen war ein Geschenk von Heinrichs Flurnachbar, dem Flickschuster Albrecht, der diesen etwas stark mitgenommenen Damenzugstiefel unter seinem geringen Ledervorrat auf dem Boden gefunden und zur Ergänzung des derberen