Chapter

Die drei Totengräber

1. Kapitel. Zigeunerlager. Wir saßen auf einer der Bänke vor der Motorbootanlegestelle in Tegernsee, Harst las die neuesten Berliner Zeitungen und ich beobachtete einen Angler, der mit Engelsgeduld auf den Schwimmer starrte. Das Wetter war wundervoll, die Aussicht sehr klar, und die Sonne brannte mir auf den kahlen Schädel und machte mich noch müder. Harst sagte halb gähnend: »Es ist erstaunlich, wieviel Menschen doch in Deutschland spurlos verschwinden. Ich lese hier soeben eine merkwürdige Geschichte. In einem Ort am Rhein verschwand vor zehn Jahren ein dreijähriger Knabe. Jetzt soll er in Schlesien durch Zufall wieder aufgefunden worden sein. Zigeuner hatten ihn entführt und dann wieder ausgesetzt. — Zweierlei ist bemerkenswert. Erstens: Man hielt es meist für ein Märchen, daß Zigeuner Kinder stehlen. Dieser Fall ist nun verbürgt, der Knabe besinnt sich genau auf seine Wanderzeit mit den Zigeunern. Also stehlen sie tatsächlich Kinder. — Zweitens: Es haben sich jetzt nachträglich noch vier Elternpaare gemeldet, die den Knaben für sich in Anspruch nehmen wollen, denn auch ihnen sind vor zehn Jahren Kinder verschwunden. — Bedenke, mein Alter: Jetzt bemühen sich fünf Elternpaare um dasselbe Kind! Und da sagt man immer, die Romantik sei ausgestorben. Es ist ein Unsinn, — traurige Romane ähnlicher Art gibt es übergenug, man hört nur nichts davon.« »Ob das Kind sich denn nicht mehr

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