Achtes Kapitel
Zwei Tage nach diesem Vorfalle trafen Herr und Frau von Ayères in dem Wagen, welcher sie auf dem Bahnhofe erwartet hatte, gegen Abend auf Schloß Croix-Mort ein. Auf der Freitreppe stand Edmee und sah mit heftig pochendem Herzen und umflorten Augen die Kutsche durch die lange Lindenallee in raschem Trabe heranrollen. Während diese im Bogen vorfuhr, suchte das junge Mädchen in der anbrechenden Dunkelheit ihre Mutter zu erkennen, konnte jedoch nur zwei regungslose schwarze Gestalten unterscheiden. Jetzt hielt das Gefährt vor den Steinstufen still; eine Frau in langem Reisemantel und einer Spitzenkapuze um den Kopf stieg aus, und peinlich betroffen erblickte Edmee das bleiche, eingefallene Gesicht ihrer Mutter. Sie stürzte ihr entgegen, umfaßte sie im Fluge auf dem Trittbrett, hob sie, die so leicht wie ein Kind war, in die Höhe und ließ sie erst auf der Treppe los. Hier fiel sie ihr in die Arme und flüsterte, von Rührung überwältigt, mit zitternder Stimme: »Mama ... Mama! ...« Frau von Ayères erwiderte die Liebkosungen ihrer Tochter mit gleicher Zärtlichkeit und sagte dann, sie mit sich fortziehend: »Komm, mein Herzchen, du hinderst Herrn von Ayères am Aussteigen.« Diese wenigen Worte verscheuchten den Taumel, der sich Edmees bemächtigt hatte, und rasch trat sie zurück, um den Platz frei zu lassen. In einem tadellos eleganten Anzug von weiß und schwarz gewürfeltem Stoffe sprang