Die Brüder
In meiner Vaterstadt lebte am Ausgang des vorigen Jahrhunderts, zur Zeit der französischen Revolution, ein Brüderpaar, dem das seltsamste Geschick widerfahren sollte, welches Brüdern von solcher Art und Gesinnung begegnen kann. Sie waren beide soeben erst zur Mündigkeit herangereift, sie hatten miteinander verschiedene deutsche Universitäten besucht, mehr um ihre allgemeine Bildung zu vollenden, als um fachmäßige Kenntnisse zu erwerben, und waren nun, durch den Tod des Vaters völlig verwaist, im Begriff, die von ihm ererbten Güter anzutreten. Man nannte sie in meiner Vaterstadt nur „die Brüder“ und kannte sie allgemein, denn ihr Reichthum, ihre jugendliche Anmuth und ihre Unzertrennlichkeit machten sie auffallend. Seit ihrer Wiegenzeit hatten sie Alles miteinander getheilt; sie waren von gleicher Größe, und man sah die beiden schlanken Gestalten stets nebeneinander, in gleicher Kleidung, durch die Straßen gehen. Und in ihren ständigen Begleitern, den beiden klügsten und gelehrigsten Windhunden der Stadt, schien sich derselbe Gedanke der Natur zu wiederholen: sie waren sich ebenso gleich und ebenso unzertrennlich, wie ihre Herren. Das Zusammenleben dieser zwei Paare schien für alle Zukunft fest bestimmt zu sein, denn die herrschaftlichen Güter der beiden Brüder lagen Scheide an Scheide, und wie sie schon als Kinder daran gewöhnt waren, auf ihren kleinen „Schweden“ von einem Hof