Die Bruecke
Sie standen auf der Brücke, bis die Sonne unterging und das Licht über der Werra golden wurde. Karl erzählte von Hamburg, von der Werbeagentur, die er aufgebaut und wieder verloren hatte, von der Ehe, die so kurz gewesen war wie ein Sommergewitter, von der Tochter, die ihn nicht sehen wollte. Jürgen erzählte von Meiningen, von der Schreinerei, die er vom Vater übernommen hatte, von der Frau, die geblieben war, obwohl er ihr wenig zu bieten hatte außer einem alten Haus und einem Bruder, über den man nicht sprach.
Irgendwann, als die Laternen auf der Brücke angingen und die Kälte durch die Mäntel kroch, taten sie den Schritt, den keiner von beiden hatte tun wollen. Karl ging drei Schritte nach vorn. Jürgen ging drei Schritte nach vorn. In der Mitte der Brücke blieben sie stehen, so nah, dass Jürgen den Tabak in Karls Atem riechen konnte, und Karl die Holzspäne auf Jürgens Jacke sah.
Sie umarmten sich nicht. Dafür war es zu früh, oder zu spät, oder beides. Aber Karl sagte, er bleibe ein paar Tage, und Jürgen nickte. Und dann gingen sie zusammen von der Brücke, nicht Seite an Seite, aber in dieselbe Richtung, und das war mehr, als zwanzig Jahre des Schweigens hatten erwarten lassen.