Die Begegnung
Die Brücke über die Werra war der einzige Ort in Meiningen, an dem man stehen und gleichzeitig in zwei Richtungen sehen konnte — flussaufwärts, wo die Stadt begann, und flussabwärts, wo sie endete und die Felder begannen, die sich bis zum Horizont erstreckten. Karl stand auf der einen Seite und rauchte, und Jürgen stand auf der anderen Seite und rauchte, und keiner von beiden hatte den anderen bemerkt, bis sie sich gleichzeitig umdrehten und einander ansahen.
Zwanzig Jahre. Zwanzig Jahre, seit Karl nach Hamburg gezogen war, ohne sich zu verabschieden, ohne eine Erklärung, ohne ein Wort. Zwanzig Jahre, seit Jürgen aufgehört hatte, auf einen Brief zu warten, und angefangen hatte, seinen Bruder zu hassen, still und gründlich, wie man nur jemanden hassen kann, den man einmal geliebt hat.
Sie standen da, jeder auf seiner Seite der Brücke, und die zwanzig Meter Kopfsteinpflaster zwischen ihnen hätten ebenso gut zwanzig Kilometer sein können. Karl warf seine Zigarette in den Fluss. Jürgen warf seine hinterher. Keiner sprach. Keiner ging. Sie standen und warteten, und die Werra floss unter ihnen hindurch, geduldig und gleichgültig, wie sie es seit Jahrhunderten tat.