Die Briefe des Fraulein Brandt
Iserbaude, 7. Juni 1914. Liebes Herz! Beim Abschied hast Du mir halb und halb das Wort abgenommen, Dir über alles zu berichten. Halb und halb sage ich, denn ein ganzes Wort, das ein anständiger Mensch unbedingt einlösen muß, konnte ich Dir nicht geben. Kann wohl überhaupt niemand, der noch eine Spur von Schamgefühl in sich hat. Lache um des Himmels willen nicht, wenn ich schon bei den ersten Zeilen stolpere und zu philosophieren beginne. Denn wird die Frage gestellt: alles oder nichts, so sage ich, ohne mich zu besinnen: nichts. Und zwar, weil man ohne einen Rest, der einem allein gehört, nicht vor sich und Gott bestehen kann. Mag sein, daß es Menschen gibt, zu jeder Stunde bereit, sich bis aufs Hemd zu entkleiden. Und wie sollte ich gerade jetzt, da bei mir und den Meinen die Dinge bis zu einem, oder sage: ich nicht richtiger, bis zu dem kritischen Punkte gediehen sind, jene Mitteilsamkeit aufbringen, wie Du von mir gefordert hast. Ich mache Dir beileibe nicht den Vorwurf der Neugier, weiß, daß Deine Freundschaft und Neigung zu mir selbstlos ist. Du meinst, es müßte mich in meinem Widerspruchsvollen Zustand erleichtern, einem gleichgestimmten Wesen mein Herz auszuschütten. Und darin magst Du recht haben. Denn ich fühle mich in dieser großen Abgeschiedenheit noch einsamer, weil Vaters und, Mutters sorgenvolle Blicke beständig auf mir ruhen, weil ich ihre unausgesprochenen