Chapter

Die Brautschau

Ein Bild aus den oberbairischen Bergen. Von Herman Schmid. Die Sonne hatte sich geneigt; wie ein Goldstrom fluthete es von der Ebene durch die breit sich öffnende Thalmündung herein in die traute Bergeinsamkeit, in welcher der Schliersee sich lieblich eingebettet hat. Am Fuße der Berge, in den Obsthainen des Dorfes und der zerstreuten Einzelhöfe dämmerte es schon stark, aber die höheren Halden zu beiden Seiten hinan waren noch hell genug, daß die herbstlich roth gefärbten Buchenwipfel wie mächtige Blumenbüschel aussahen, mit denen das Tannengrün der Wälder besteckt war. Die Gipfel der Berge, der breite Rücken der Rohn und der scharfe Zackengrat des Jägerkamms glänzten im letzten Strahl eines schon erlöschenden Alpenglühens; klar, duftig, hell und kühl wölbte sich der andunkelnde Abendhimmel darüber, mit manchem aufblitzenden Sternlein geziert, und all’ das Glühen und Dunkeln, das Licht und die Nacht, Höhe und Tiefe spiegelte sich wieder in der Fläche des Sees, gleich als wär’ er ein fühlend Menschenherz, das Erd und Himmel aufgenommen und in sich vereinigt habe. Die Ruhe und Stille eines sanften Entschlummerns waltete über der ganzen Landschaft; nichts war zu vernehmen, als hier und da ein Ton, der sich anhörte wie ein im Beginn unterbrochenes oder halb verwehtes Glockenläuten. Er kam von der Anhöhe herab, wo aus dichten Obstbaumwipfeln sich Giebel und Altane eines stattlichen

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