Die Blaue
Wieder blickten zwei feurige Schwarzaugen durch das blecherne Siebfensterchen an der Türe, als ich kaum vor meines Freundes, des jungen Doktors J., Wohnung die Klingel gezogen, und wieder fragte mich ein helles Stimmchen: »Wer wünscht Einlaß?« – Und wieder ging, als ich meinen Namen nannte, die Türe auf, und ein niedliches Wesen äußerte mit Bedauern: »Ach! lieber Herr, heute haben Sie sich leider umsonst bemüht; der Doktor sind in der Stadt zu Gaste.« Wie verschieden ist eine solche Abfertigung von dem dummdreisten Begegnen übermütiger Kammerdiener, von den groben nichtssagenden Antworten achselzuckender Türsteher, welchen man sich an dem Grenzzollamte mancher Antichambre auszusetzen hat. Nicht selten, ich muß es gestehen, war ich sogar mit jener höflichen Abweisung nicht begnügt, sondern ich fragte um das Detail der Einladung, um den Ort, um die Stunde der Rückkehr, um dieses und jenes, was eben interessant genug war, um keine uninteressante Antwort zu veranlassen. Mir kam es dann immer vor, als ob ich nicht vor einer Magd, sondern vor einem Fräulein stände; mit leiser Scheu betrachtete ich das liebe, blasse Gesicht mit dem leidenden Zug über dem Auge; bemerkte mit schonender Neugier, wie sie meinen Fragen um ihr früheres Schicksal auswich, und konnt' es nicht über das Herz bringen, den Hut auf den Kopf zu setzen, so lange ich auf der Türschwelle mit der angenehmen Pförtnerin