Lotte stiftet
Die große Uhr in Geheimrat Bachs Wohnzimmer schlägt neunmal. Eine behagliche Ordnung herrscht in dem Gemache. Im Ofen brennt das Kohlenfeuer, und durch das Prasseln der präparierten Anzünder, das Zusammenfallen der Preßkohlen entsteht ein anheimelndes Geräusch. – In ihrem großen Lehnstuhl vor dem Nähtisch sitzt die Geheimrätin und näht. – Zwei Jahre sind seit dem plötzlichen Tode ihres Gatten vergangen. In diesem Winter will sie, um ihrer Lotte willen, sich wieder dem geselligen Leben widmen. Der große Bachsche Verwandten- und Bekanntenkreis begehrt immer lauter nach der lustigen, immer freundlichen »Range«, die sich so lange Zeit dem gesellschaftlichen Treiben fern gehalten hatte. – Lotte hatte das Hinscheiden des teuren, geliebten Vaters auf das Heftigste empfunden. Sie beklagte ihn heiß; aber die Pflichten ihres Berufes und das starke Gefühl: »Du mußt jetzt Deiner Mutter Halt und Sonnenschein werden!« zwangen sie bald zur Selbstzügelung. Je weiter die Zeit vorrückte, um so mehr empfand sie das Fehlen des Guten; aber umso mehr verschloß sie auch ihren Schmerz in sich. – Die viele Abwechslung des großstädtischen Lebens, ihre kernfrische Jugend, ihre stete Thätigkeit kamen ihr zu Hilfe. Nach Verlauf eines Jahres blitzten bei Lotte schon hier und da – – Fünkchen ihres alten Temperamentes auf. Ab und zu kam eine leise oder laute Erinnerung an frühere Tollheiten und vergangenen