Vorwort
Der Dichter, den wir hier in voller Lebensgröße vorführen, ist einer von den Abseitigen, einer von den großen Desperados, die des Herrn Lombroso Theorie vom geborenen Bösewicht aufs Glatteis führen und den Sittlichkeits-Nachtwächtern aller Zeiten hinreichend verdächtig erscheinen: Werk und Urheber dem Staatsanwalt zu empfehlen. Villon hat allerdings nie Wert darauf gelegt, als Schönbold, Musterehrenmann, Akademieproffesseur oder Nobelpreis-Träger durch die Literaturgeschichte zu geistern. Und weil er mit seinem richtigen Namen Montcorbier, also Rabenberg, oder besser noch: Galgenberg hieß, (aber beileibe nicht: Des Loges, wie es in manchen Literaturgeschichten zu lesen steht!) mußte er dieses skurrile väterliche Erbteil als schauerliches Symbol auf allen Schicksalsstationen vor sich hertragen. Das brachte ihn von Anbeginn schon in eine problematische Stellung zu der bürgerlichen Gesellschaft. Geboren wurde er zu Paris im Jahre 1431, zur gleichen Zeit also, da die Heilige Johanna von Frankreich die lodernde Flamme des Scheiterhaufens umarmte. In einer armseligen Proletenkammer gurgelte er seinen ersten Schrei und lernte sehr früh schon das Elend der Ausgestoßenen, aber auch das aufreizende Lotterleben der ritterlichen Herrschaften kennen. Er hatte vor, kein Straßenkehrer, aber ein König oder Räuberhauptmann zu werden. Er hatte eine Nase mit dem feinen Witterungsvermögen eines