Die Wahrheit Hinter Dem Spiegel
Der Brief lag in einem Bankschließfach, das auf ihren Namen registriert war — ein Schließfach, von dem Stefan nichts wusste, das sie selbst vor dem Unfall eingerichtet hatte. Die Bankangestellte führte sie durch den Tresorraum mit einem Gesichtsausdruck, der verriet, dass sie Marie wiedererkannte und sich fragte, warum sie so verändert aussah.
Der Umschlag enthielt drei Dinge: einen handgeschriebenen Brief an sich selbst, eine Kopie eines Mietvertrags für eine Wohnung, die sie nie betreten hatte, und ein Foto von einer Frau, die ihr ähnlich sah, aber nicht sie war. Der Brief begann mit den Worten: Wenn du das liest, hat er es geschafft. Er hat dich vergessen lassen, wer du wirklich bist. Lies weiter, und erinnere dich.
Marie las den Brief dreimal, und mit jedem Lesen kehrte etwas zurück — nicht als Erinnerung, sondern als Empfindung, ein Gefühl wie das Auftauen erfrorener Finger, schmerzhaft und befreiend zugleich. Die Frau auf dem Foto war ihre Schwester, von der Stefan behauptet hatte, sie existiere nicht. Die Wohnung war der Ort, an den sie hatte fliehen wollen. Und die drei verlorenen Monate waren nicht verloren, sondern gestohlen — gestohlen von einem Mann, der ihre Liebe mit Kontrolle verwechselt hatte und der nun am Küchentisch saß und darauf wartete, dass sie nach Hause kam, ohne zu ahnen, dass die Frau, die zurückkehrte, nicht mehr seine Marie war, sondern endlich
