Diana de Lys
I. Gewiß ist dein Leser schon einmal im Leben eine jener von dem Bewußtsein ihrer Schönheit erfüllten Frauen begegnet, die in ihrem stolzen Selbstgefühle dem Bilde gleichen, das man sich von einer Königin zu machen gewohnt ist. Denn unsere Phantasie vervollständigt gern die Majestät des Ranges durch die Majestät der Schönheit. Wenn Frauen dieser Art in einen Salon treten, so ruft man unwillkürlich seinem Nachbar zu: »Sehen Sie, welch' schönes Weib!« — Der Nachbar, sehr oft nur ein gewöhnlicher Mensch, entwertet auch gewöhnlich: »In der That, ein Kopf, des Studiums würdig.« Ein Kopf, des Studiums werth! Das heißt: eine griechische Nase, große lebendige Augen, ein regelmäßiges Profil, ein halbgeöffneter Mund mit gebogenen Lippen, weiße Zähne, ein Hals, schlank wie eine Marmorstatue; alles Dies ruhig, kalt, unempfindlich, ohne Seele, ohne Leidenschaft,. ohne Feuer, und wohl geeignet in Wahrheit zum Modell für eine Malerstudie in Collegien und Pensionsanstalten für junge Damen. Der Leser hat außer einem solchen wunderschönen Antlitz gewiß einen eben so vollkommenen Körper zu bewundern Gelegenheit gehabt, und sich gesagt: Diese Frau ist schön, so schön, als nur ein Weib sein kann; woher kommt es, daß diese Schönheit mich kalt läßt, obschon sie offenbar allen Anforderungen an weibliche Schönheit entspricht? Woran es ihr fehlt? ich will es Dir sagen: sie hat noch nie geliebt, noch nie