Erstes Kapitel
Es ist eine Geschichte noch aus den Urgroßmuttertagen – aus der Zeit der Postchaisen und Musselinkleider, der Vatermörder und der Romantik. Sie ist mir von meiner Großmutter erzählt worden, und ich habe lange geglaubt, sie sei ihr selbst passiert oder noch eher ihrer Mutter, dem resoluten Ratsherrntöchterlein aus dem Badischen. Sängerinnen waren sie ja beide gewesen – Großmutter freilich nur kurze Zeit. Ein vornehmer Herr aus Hannover hatte sich in Italien in sie verliebt und sie auf sein Schloß heimgeführt. Als er später zu Hof kam, wurde Mama der Königin vorgestellt – seitdem durfte sie nie mehr erwähnen, daß sie einmal beim Theater gewesen. Als sie starb, hing Großvater eigenhändig ihr Bild in der Ahnengalerie des Schlosses auf, und es nahm sich da wirklich gut aus unter all den hochgeborenen Verwandten. Die Urgroßmutter aber, die partout nicht hatte von der Bühne lassen wollen, auch dann noch nicht, als ihre Enkelinnen sich schon siebenzackige Krönlein in die Taschentücher sticken konnten, die Urgroßmutter, die in Paris zu den Hofkonzerten in den Tuilerien geladen wurde und dabei über den höfischen Schnickschnack die respektlosesten und mokantesten Bemerkungen machte, die kam zur Strafe natürlich nicht in die Ahnengalerie, sondern mußte allzeit in Großmutters Schlafzimmer verbleiben mit allen andern gewöhnlichen Tanten und Onkeln, nur etwas feiner eingerahmt und mit einem