Chapter

Der Zeuge

Der Zeuge. Von J. D. H. Temme. „Es giebt viele unglückliche Herzen,“ sagte die schöne Frau. „Geschöpfe, liebe Emilie,“ unterbrach sie ein kleiner dicker Herr, der Gemahl der schönen Frau. Sie blickte unwillkürlich auf seine wohlgenährte Gestalt und ein Lächeln wollte spöttisch über ihre schönen Lippen gleiten; es wurde schmerzlich. „Nicht jedes Geschöpf fühlt,“ sagte sie, „aber jedes Herz und besonders den –“ „Den Schmerz, wolltest Du sagen, Emchen,“ lachte der kleine Herr. „Es hätte sich gereimt, aber richtig wäre es doch kaum in allen Fällen gewesen, mein Engel.“ „Wir wollen darüber nicht streiten, Arthur,“ erwiderte die Frau. Der kleine dicke Herr hieß Arthur. Die Frau wandte sich wieder an den Domherrn, zu dem sie die Worte gesprochen hatte: „Es giebt viele unglückliche Herzen.“ „Aber wie wenige,“ sagte sie jetzt, „wissen ihr Unglück zu tragen!“ „Wie viele müssen es dennoch tragen!“ sprach der Domherr. „Dann sind sie nicht mehr unglücklich.“ „Auch jenes arme Herz nicht, von dem unser Gespräch ausging?“ Der Domherr zeigte auf eine schöne, blasse junge Frau. Sie saßen Alle unter einer geräumigen Veranda. Der Domherr, die schöne Frau, mit welcher er sprach, und ihr Mann hatten einen kleinen Tisch in der Mitte eingenommen. Entfernter von ihnen saßen andere Gäste des Hotels. Ganz hinten in einem Winkel war die schöne, blasse junge Frau, auf die der Domherr gezeigt hatte. Die

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