Der Wille zum Leben
Nach vielen frostigen, regenschweren Tagen, nach dem unerquicklichen Wechsel von Sonnenglut, Gewittern, Landregen und Märzkälte, den wir – da der Kalender es verlangt – »deutschen Sommer« nennen, war endlich ein erster goldener Septembertag gekommen, der so rein heraufstieg, als müßten ihm nun viele seinesgleichen folgen. Die Luft war hell, jeder Hauch erfrischend; die Sonne wirkte noch mit großer Kraft, aber ihre Strahlen gingen wie durch gereinigten Aether hin, alle elektrische Spannung schien aus der Welt verschwunden. Die Landhäuser, die sich von der Stadt Salzburg her zwischen Kapuzinerberg und Geisberg im Aigener Winkel hinziehen, leuchteten im Morgenlichte, durch das ebene Thal verstreut; die alte Citadelle von Salzburg sonnte sich, in die Ferne schimmernd, auf ihrem Fels; nur über dem Geisberg flatterte eine kleine weiße Wolke wie ein losgerissenes Fähnchen und schwebte langsam, sich rundend und verkleinernd, wie ein Luftballon in die zarte Bläue hinauf. Der alte Grabow, der seit einem Jahr als »Haushofmeister« der Fürstin Raffaela diente, kam aus ihrer Villa, die eigentlich ein altes, doch unansehnliches Schloß war, grau, mit wenigen Fenstern und aufstrebenden Dächern, durch einen runden Turm vor den neuen Lusthäusern ausgezeichnet; ein schwarzer Dohlenschwarm zog darüber hin. Grabow sah zu diesen dunklen Schatten in der hellen Luft etwas mißvergnügt auf, er liebte sie