Der Lehrer und die Bürgermeisterin
Roman aus dem Leben Ludwig des Zweiten Sie hatten den Wald erreicht, da wo der bereits mehrere Male erwähnte Weg in denselben führte. Der Lehrer blieb stehen und sagte, nach rechts deutend: »Dort, jenseits der Wiesen liegt hinter den Büschen die Mühle versteckt. Bis zum Essen ist noch über eine Stunde Zeit. Bestimmen Sie, wohin wir unsere Schritte lenken wollen!« »Ich schließe mich Ihnen an.« »Dann also grad aus. Ich befinde mich so gern im Walde.« »Wohl vielleicht, weil sich Ihre Heimath in einer waldigen Gegend befindet?« »Nein. Es ist mir leider eigentlich nicht erlaubt, von einer Heimath zu sprechen.« »Wie?« hauchte sie. »Es hat doch ein jeder Mensch eine solche.« »Wenn Sie den Ort, an welchem man die Jugend verlebt, Heimath nennen, ja. Ich aber verstehe unter Heimath den Ort der Geburt.« »Und Sie kennen diesen Ort nicht?« »Nein. Ich bin ein – Findelkind.« »Sie Aermster! Welch ein Verbrechen ist da an Ihnen begangen worden!« »Ein Verbrechen keineswegs!« »So meinen Sie also, daß Sie von Ihren Eltern verloren oder gar geraubt worden sind?« »Ich meine nichts Bestimmtes; aber ich bin überzeugt, daß von einem Verbrechen keine Rede ist.« Sie befanden sich jetzt mitten im Walde, durch welchen der Weg führte. Es hatte sie Beide eine ganz ungewöhnliche Stimmung ergriffen. Bei der Bürgermeisterin hatte das seinen guten Grund; bei dem Lehrer aber war es weniger leicht erklärlich.