1. Kapitel. Das verschwundene Testament.
Graf Roderich Blenkners letzte Fahrt. – Kaum zehn Minuten dauerte sie, vom alten, efeuumrankten Schloße bis zum Erbbegräbnis der Familie auf der Sandinsel im Galgen-See. Die Beisetzung erfolgte genau so, wie der Sonderling es in seinem Testament angeordnet hatte. Wie die Menschen so sind: bis zum vierzigsten Lebensjahre nannte man den Grafen den „tollen“ Blenkner, dann bis zum sechzigsten den „verrückten“ und nachher mit etwas mehr Achtung vor dem schlohweißen Haupte „den alten Sonderling“. Und er hatte bis zuletzt dafür gesorgt, daß er diesem Namen auch Ehre machte. Nur fünf Personen außer den Trägern durften dem Sarge folgen, der auf einem gewöhnlichen Ackerwagen gefahren, dann am Seeufer auf drei zusammengebundenen Kähne gestellt und nach der Insel hinübergerudert wurde. Es war nur ein gelbweißer Sandberg, diese Insel des Galgen-Sees, von dem man sich im nahen Städtchen so allerlei Sagen erzählte; hie und da ein paar kümmerliche Grasbüschel, und nur vor dem Eingange zum Erbbegräbnis derer von Blenkner warfen zwei struppige Tannen lange Schatten fast bis zum Wasser hinab. Einen wunderbar schönen Maimorgen hatte der alte Graf sich für seine letzte Fahrt ausgesucht. Der greise Pfarrer Terrmeelen machte den Oberinspektor Rickert leise darauf aufmerksam. Und der erwiderte: „Es hätte zu meines Herrn ganzer Lebensführung mehr im Einklang gestanden, wenn der Donner eines Gewitters