Kapitel 16
Im Flug entführte der Dampfwagen Ilse dem Orte, den sie unter so verschiedenartigen Gefühlen betreten und wieder verlassen hatte. Reichlich flossen ihre Thränen. Sie hielt das Tuch gegen die Augen gedrückt und die liebliche Gegend, an der sie vorüberfuhr, die Berge, die ihr vertraute Bekannte geworden, erhielten keinen Abschiedsgruß von ihr. Ein Sonnenstrahl stahl sich zum Fenster hinein, fiel auf ihr lockiges Haar und färbte es golden, aber Trost in ihrem Kummer vermochte er ihr nicht zu bringen.
Die Dame sah teilnehmend auf die Weinende, aber sie störte sie nicht in ihrem Schmerze. Erst als sie bemerkte, daß Ilse ruhiger wurde, knüpfte sie ein Gespräch mit ihr an.
»Ich verstehe Ihren Kummer wohl, liebes Kind,« sagte sie herzlich, »und kann Ihnen nachempfinden, wie Ihnen um das Herz ist. So ein Abschied von der Pension ist ein wichtiger Abschnitt, es thut weh, von den Freundinnen scheiden zu müssen, die man lieb gewonnen hat, – aber Kind, so gar trostlos müssen Sie das alles nicht ansehen. Die Trennung ist ja nicht für das ganze Leben, die Freundinnen werden Sie in Ihrer Heimat besuchen. Es ist wohl schön in Ihrer Heimat?«
Das war eine Frage zur rechten Zeit. Ilses Kinderaugen lachten noch unter Thränen die Fragerin an. Sie fing an, lebhaft zu erzählen, ihre Gedanken kehrten in das Elternhaus zurück, und zum erstenmale dachte sie seit längerer Zeit mit ungetrübter Sehnsucht