Der tote Zigeuner
Harald Harst: Aus meinem Leben Der tote Zigeuner Erzählt von Max Schraut 1. Kapitel »Die Unsicherheit in Berlin nimmt in erschreckender Weise zu,« sagte Harald Harst zu mir, als er die Abendzeitungen durchgesehen hatte. »In der verflossenen Nacht ist wieder ein Herr auf offener Straße ausgeplündert worden, abgesehen von dem täglichen Millioneneinbruch. All das ist nichts für uns, mein Alter. Da liegen zwar wieder drei Briefe Bestohlener, die ihr Silberzeug durch mich zurückerhalten möchten. Aber — zu solcher Arbeit gehört der gewaltige Apparat der Kriminalpolizei. Da können wir beide nicht mit. Wir sind auf — Feinmechanik eingestellt.« Er saß im Rohrsessel und schaute durch die offenen Fenster der Gartenveranda des alten Harstschen Familienhauses auf die vom Abendrot vergoldeten Kronen der Bäume. Seine Zigarette, die er zwischen den Fingern der Rechten hielt, sandte einen gekräuselten Qualmfaden in die Höhe und hatte bereits eine lange Aschenspitze. Ich wunderte mich, daß er sie nutzlos weiter glimmen ließ, wunderte mich noch mehr, daß er die Augen immer mehr zusammenkniff, als gäbe es da draußen in den Lindenkronen etwas besonderes zu sehen. Auch ich blickte nun hinaus. Da war in dem Grün der einen Linde etwas wie eine punktierte Linie, die im Winde hin und her schwang. »Ein Drachenschwanz,« meinte Harald. Ja — er hatte recht: es war der Schwanz eines Papierdrachens, ein