Der tote Kanarienvogel - 1. Kapitel
1. Kapitel. »Dort hängt schon einer der Steckbriefe,« sagte Harald Harst am Morgen des 11. Mai früh sieben Uhr zu mir, als wir uns auf dem Wege zur Alfströmschen Villa befanden, wo uns in der vergangenen Nacht Doktor Berthold Finster entwischt war. »Die Polizei arbeitet fabelhaft schnell. Sehen wir uns den Steckbrief mal an«. Das rotumrandete Plakat war an der Litfaßsäule von sehr harmlosen Reklamezetteln eingerahmt, hing zwischen Anpreisungen von Gardinen, Eßbestecken, Hosenträgern und »staunend billigen Anzügen«. An den beiden Ecken befanden sich Bilder Berthold Finsters, eins mit, eins ohne Bart. Das intelligente Gesicht des Verbrechers mit dem höhnisch-überlegenen Ausdruck um den Mund war uns beiden nur zu gut bekannt. Dann der gedruckte Teil: Gegen den unten beschriebenen früheren Rechtsanwalt und Notar, Doktor der Rechte, Justizrat Berthold August Oskar Finster, geb. zu Naugard am 2. Juni 1870, der flüchtig ist und sich verborgen hält, wird wegen Mordversuchs, Kindesentführung, Freiheitsberaubung — und so weiter. Alter: 52 Jahre. Statur: mittelgroß, etwas gebückte Haltung, hager. Gesicht: länglich, bartlos. Augen: dunkel, etwas zugekniffen. Nase: schmal, gut geformt. Haar: grau meliert, dünner Scheitel. Besondere Kennzeichen: unangenehme heisere Stimme, höhnischer Zug im Gesicht. Finster dürfte eine Verkleidung angelegt haben und weit jünger aussehen. Auf seine Ergreifung