1. Kapitel
An einem herrlichen Abend, kurz bevor die Sonne hinter den waldigen Bergeshöhen der Havel versank, treffen wir in dem Garten einer entzückenden, kleinen Villa, welche dicht an dem Ausgang von Potsdam lag, deren unterer Teil von den Wellen des sogenannten Wannsees bespült wurde, ein reizendes junges Mädchen. Unter den Blicken des Vaters, der in seinem Schreibzimmer arbeitete, plauderte sie mit einem jungen Mann von 27 bis 28 Jahren, der trotz seiner Jugend ziemlich ernst, – man möchte sagen – traurig aussah. Ein trauriges Lächeln irrte um seine Lippen, die ein schwarzer Schnurrbart umschattete. »Welch wunderbarer Sonnenuntergang,« sagte das Mädchen plötzlich, den Blick in weiter Ferne verloren. »Genau derselbe Himmel wie am Tage meiner Ankunft vor drei Monaten,« erwiderte er ihr. »Drei Monate schon? Und anfangs wollten Sie nur einige Tage bleiben,« bemerkte sie mit einem schüchternen Lächeln. »Bereuen Sie Ihren Aufenthalt?« fragte sie halb vorwurfsvoll. »Wie Sie nur so fragen,« antwortete er ihr mit warmer, inniger Stimme. »Ich habe hier die herrlichsten Stunden meines Lebens verlebt; hier in Ihrer Nähe habe ich meinen Kummer vergessen, die trüben Stunden meiner Kindheit.« »Waren Sie denn als Kind so allein, daß Sie so viel Kummer haben erleben müssen? Hatten Sie denn keine Mutter, welche Sie über alles liebte?« »Meine Mutter ist jung gestorben,« erwiderte er, plötzlich ernst