1. Kapitel. Der große Haß
Irma Hölsch hatte nach der letzten Unterrichtsstunde und nach all dem Ärger sehr schnell bei Frau Mikla, die angeblich einen ›guten, billigen Mittagstisch‹ unterhielt, das mehr als mäßige Essen hinuntergeschlungen, hatte den schlanken Herrn Larisch, der wieder in seiner höflich bescheidenen Art eine Anknüpfung bei Tisch gesucht hatte, kühl mit ein paar fast unliebenswürdigen Worten abgeblitzt und war dann nach Hause geeilt in ihr bescheidenes möbliertes Zimmer, um endlich wieder allein zu sein mit ihren Gedanken, die ihr wie ein Bienenschwarm im Kopfe summten. Sie warf jetzt das Paket Hefte, in die heute die fünfte Klasse den Aufsatz über ›Mein liebstes Buch‹ hineingeschrieben hatte, mit einer Gebärde des Ekels auf den Mitteltisch und ließ sich selbst, ohne erst den einfachen Filzhut abzulegen, aufatmend in den Korbsessel am Fenster fallen, schloß die Augen und dachte nur immer dasselbe: ›Ich begreife das alles nicht – ich begreife es nicht …!‹ Wie qualvoll war ihr nur heute das Unterrichten geworden! Noch schwerer als sonst! Sie eignete sich nicht zur Lehrerin. Das wußte sie längst, das hatte sie schon auf dem Seminar gemerkt. Sie konnte sich keinen Respekt bei diesem jungen, übermütigen Völkchen verschaffen, – vielleicht, weil sie Kinder zu gern mochte und daher nicht streng sein konnte. Heute hatte sie sich wie schon so oft über ihre eigene Milde und Nachgiebigkeit bis zu