Der Tag von Stralsund
Die Weltgeschichte ist ein seltsames Buch, zugleich von unerschöpflichem und von einfachem Inhalt. Auf jeder seiner zahllosen Seiten bringt es Neues, zuvor noch nicht Gewesenes, und doch wiederholt es auch immer nur Altes, schon früher Geschehenes. Seine Berichte sind mehr trübe als freudig, dienen dem Lesenden seltener zu einer Emporhebung, als zu einer Bedrückung des Gemüts. Nicht häufig erfüllen sie ihn mit einem Stolzgefühl, der Menschheit anzugehören, von deren Trachten und Tun das Buch Zeugnis ablegt. Denn kaum findet sich ein Blatt darin, das nicht mit Blutflecken bedeckt wäre. So weit Überlieferungen zurückreichen, verkünden sie gleichmäßig bei allen Völkern der Erde, den geistig vorgeschrittenen, wie den niedrigststehenden, wenig von einem goldenen Zeitalter des Friedens, der Eintracht und Freundschaft, genügsamer, gerechter und menschlicher Sinnesart. Fast überall vernehmen wir nur von eiserner Zeit unterlaßloser Kämpfe und Kriege, der Gewalttat, Herrschsucht und Willkür, des Hasses, der Habgier und Grausamkeit. In stille Verborgenheit des Einzeldaseins zieht das Edlere, das Milde und Schöne sich zurück; auf der weiten Schaubühne des Lebens toben mit seltener Unterbrechung die Zwietracht, der Streit, von der Eigensucht erzeugt und die Roheit nährend. Lernen wir etwas aus der Betrachtung dieser Weltgeschichte, oder führt sie uns nur millionenfache Auftritte eines