Der Sterngucker und die Pensionsmama
Papa Länglin war vereidigter Bücherrevisor. Er hatte tagtäglich mit Inventuren, Konkursen, Hinterlassenschaften und Erbschaftsteilungen zu tun, glaubte also das Leben in seinen Höhepunkten zu kennen. Aber die bedeutsame Stunde, da ihm der gesamte Nachlaß von Tante Amalie zufiel, fand ihn doch völlig ratlos. Er war nämlich der Universalerbe eines Damenpensionats geworden. Jawohl, eines Damenpensionats in Berlin W., in der Lützowstraße, ganz nahe am Magdeburger Platz. Für einen einsamen Witwer und vereidigten Bücherrevisor ein etwas unbequemer Besitz. Denn mit der Erbschaft waren auch Pflichten verbunden; z. B. mußte der Erbe in den noch drei Jahre laufenden Mietskontrakt der seligen Tante Amalie eintreten. Papa Länglin fühlte sich dieser Verantwortung nicht gewachsen und wollte zuerst auf die Erbschaft überhaupt verzichten. Aber seine Tochter Gertrud bewies einen wahren Heldenmut. Sie kündigte sofort ihre Stellung als Schreibmaschinenfräulein bei den Spandauer Mörtelwerken und erklärte sich bereit, an Stelle der toten Tante das Amt einer Pensionsmama in der Lützowstraße zu übernehmen. Sie zählte damals siebzehn Jahre, drei Monate und vier Tage. Und alsbald zogen Vater und Tochter mitsamt ihrem bißchen Kram hoffnungsgeschwellt in das vornehme Quartier des Berliner Westens, sie aus Spandau, er aus seiner Hofwohnung am Kreuzberg, und ein paar Tage lang gaben sie sich einer wunden