1
Anders geartet als die übrige Menschheit von Schattendorf war der Großbauernsohn Stephan Niedermaier von jeher gewesen. Das hatten auch seine Eltern gemerkt und deshalb den Spintisierer und Sinnierer, der lieber mit offenen Augen träumend unter dem Blätterdach eines Baumes lag und den ziehenden Wolken nachsah, statt im Feld und auf den Wiesen mitzuhelfen, nach Regensburg geschickt – zum Studieren. Sie waren der Meinung gewesen, in dem Stephan stecke das Zeug zu einem geistlichen Herrn. Warum gerade zu einem solchen, blieb unaufgeklärt. Vielleicht dachten die guten Alten, ein geistlicher Herr hätte nichts anderes zu tun, als den Wolken nachzuschauen, sobald er nur mit seinen kirchlichen Verrichtungen fertig wäre. Ehe Stephan Niedermaier an sich selbst erproben mußte, wie irrig und grundfalsch diese etwaige Meinung seiner Eltern war, machte der liebe Gott einen Strich durch der letzteren Rechnung. Denn in einem und demselben Jahre starben sein Vater und sein jüngerer Bruder, der voraussichtliche Erbe des großen Besitztums, an den Pocken und dem Stephan blieb, da weder ein anderer Sohn noch eine Tochter vorhanden war, nichts übrig, als die lateinischen und griechischen Bücher in die Ecke zu stellen und nach Schattendorf zu seiner verwitweten, einsam zurückgebliebenen Mutter heimzukehren. Und mit dieser hauste er jetzt schon an die zwölf Jahre zusammen, bewirtschaftete sein