Chapter

Erstes Kapitel

»Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin, ein Märchen aus alten Zeiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn.« Die Lore sang schön. Und sie selbst war schön. Die Abendsonne, die durchs geöffnete Fenster schien, bestrahlte ihren blonden Kopf, bestrahlte das Nähzeug, das sie in den kleinen Händen hielt, und überzog selbst die blanke Nadel mit einem leichten Goldschimmer. »Die Luft ist kühl und es dunkelt, und ruhig fließt der Rhein, der Gipfel des Berges funkelt im Abendsonnenschein.« Der Rhein war dieser schleichen Flur fern; aber das Wasser des großen Teiches funkelte rotgolden auf, das tiefe Leuchten ging über seine stille Fläche und stieg am jenseitigen Ufer den kleinen Berg hinauf, wo der vereinzelte wilde Kirschbaum stand, den die Leute den »Wächter« nannten. Der »Wächter« stand auf einer kleinen Anhöhe wie auf einem Auslugposten und sah übers ganze Dorf weg und übers ganze Tal. Wenn ein Wetter kam, dann wehrte der »Wächter« mit ausgestreckten Zweigen die Blitze ab, daß sie den Häusern nicht zu nahe kämen. Seit Menschengedenken hatte es in Teichau nicht eingeschlagen; dagegen zeigten sich gelegentlich die Leute mit leiser Furcht und großem Respekt die kleinen Schmarren und Risse wie auch die tiefe Wunde, die der tapfere, treue Baum durch die Wetterstrahlen erlitten hatte. Und wie ein Vorposten war er, den der Wald ausgestellt hatte, der Wald, der ruhig wie

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