Der schwarzweiße Storch
Ein Bild von der Grenze. Von J. D. H. Temme. Endlich war die Grenze erreicht. Es war dunkler Abend darüber geworden und ich hatte noch eine halbe Stunde an ihr entlang zu fahren, um an den Ort meiner Bestimmung zu gelangen. Der Weg führte zwischen dichter Waldung zu beiden Seiten. Der Saum des Waldes links bildete die Grenze, er selbst war noch polnisches Gebiet. Rechts war der große preußische Trappöner Domainenforst. Der Weg zog sich eng und schmal hindurch. Dem Kutscher, welcher stets aufmerksam rechts und links geschaut und auf jedes Geräusch hörte, schien der Weg nicht ganz sicher zu sein. Er lugte mit seinen hellen Augen forschend nach allen Seiten aus und schüttelte mehre Male brummend den Kopf. Plötzlich hielt der Wagen an. „An der Grenze muß heute etwas los sein,“ sprach er dabei in den Wagen. „Fast alle fünfzig Schritte steht ein Doppelposten, ein Straßnik (Grenzaufseher) und ein Kosak, und man meint die lauernden Augen durch die Dunkelheit leuchten zu sehen. Was mögen die nur vorhaben?“ Er wußte es nicht, und auch ich und mein Secretair, der mit mir im Wagen saß, wußten es nicht. Gutes konnte es nicht sein, was die Russen vorhatten. Wir mußten von der Grenze abbiegen und kamen an dem Orte unserer Bestimmung an. Es war ein lithauisches Dorf, ungefähr eine Viertelmeile von der Grenze entfernt, in welchem wir die Nacht blieben. An der Grenze war etwa acht Tage vorher