Chapter

Der Schutzgeist

Die große Haushaltung der Gräfin war seit einigen Tagen in vielfacher Aufregung. Man besorgte ihren Tod. Und da die Kranke von jedermann geliebt war, so ängstigten sich alle, und die Nachbarn sendeten fleißig, um sich zu erkundigen, wie der Zustand der würdigen Frau beschaffen sei. Ihre nächste Umgebung war am meisten in Trauer. Nur in den Augenblicken, wenn das Leben erlöschen soll, wissen die Vertrauten, was sie am Freunde besaßen. Seine Tugenden treten uns dann erst ganz sichtbar hervor, und was oft Fehler genannt wurde, verschwindet, oder die Einsicht erwacht, daß diese Mängel die Grundlage der Vorzüge bildeten, oder nur die Schatten der bewunderten Tugenden selber waren. Diese hohe, vergeistigte Billigkeit ist der edelste Abschied, den wir von dem Abreisenden nehmen, der jetzt das unbekannte, räthselhafte Reich betritt, dem wir alle im sogenannten Leben entgegen geführt werden. Der einzige Sohn, der Obrist, war entfernt und auf einer Dienstreise begriffen. Er wußte, daß seine Mutter krank sei, er kannte sie als eine stets Leidende, aber von ihrer nahe bevorstehenden Auflösung hatte er in der Ferne nichts erfahren können, weil seine Versendung ihm nicht gestattete, lange an einem Orte zu verweilen, und so wußte man in diesem Augenblick nicht, in welcher Stadt er sich eben 6 aufhalten möchte. Sehnsüchtig erwartete ihn die Mutter, aber doch mit ergebener Fassung.

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