Der wahre Schneider
Zum drittenmal und etwas ungeduldig zog ich am Klingelgriff neben dem schmucklosen, aber festverschlossenen Tor der städtischen Bibliothek. Es war allerdings nicht die übliche Besuchsstunde: ein grauer Morgen in dichtem Donaunebel; allein der Mann, der in einer Mauernische des altertümlichen, völlig stillosen Baues neben dem herrlichen Münster mit einer Katze auf der Schulter und dem Ulmer Tagblatt in der Hand Äpfel verkauft, hatte mir gesagt, daß der Herr Professor schon seit Tagesanbruch oben sei, und so war ich entschlossen, entweder den Herrn Bibliothekar oder den städtischen Glockenzug herunterzuholen. Jetzt endlich hörte man ein krachendes Geräusch auf der Treppe. Ein Schlüssel drehte sich von innen in dem halbverrosteten Schloß, und das freundliche Gesicht des alten Herrn erschien in der vorsichtig sich öffnenden Spalte. Aber ein merklicher Schatten flog darüber, als er mich sah. »Bedaure wirklich, Sie gestört zu haben, Herr Professor!« sagte ich im Ton lebhaftester Entschuldigung, obgleich ich seit zehn Minuten bemüht gewesen war, dies zu tun. »Kann der Bibliotheksdiener nicht öffnen oder haben Sie noch immer kein Zuggestänge an Ihrem wohlverwahrten Burgtor?« »Mein Diener macht meist Ausgänge für den Herrn Ratsschreiber drüben«, erklärte der gefälligste aller Bibliothekare, wieder ganz Freundlichkeit. »Dagegen habe ich die Genugtuung zu wissen, daß der Türzug vom