Der Schatten
In den heißen Ländern brennt die Sonne ganz gewaltig, die Leute werden ganz mahagonibraun, ja in den allerheißesten Ländern werden sie zu Negern gebrannt. Aber es war bloß nach den heißen Ländern, wohin ein gelehrter Mann von den kalten gelangt war; der glaubte nun, daß er dort ebenso herumgehen könne, als daheim, das wurde ihm aber bald abgewöhnt. Er und alle vernünftigen Leute mußten zu Hause bleiben, die Fensterladen und Thüren waren den ganzen Tag über geschlossen; es sah aus, als ob das ganze Haus schlafe oder niemand zu Hause sei. Die schmale Straße mit den hohen Gebäuden, wo er wohnte, war nun auch so gebaut, daß die Sonne vom Morgen bis Abend hineinschien; es war wirklich nicht auszuhalten! - Der gelehrte Mann aus dem kalten Lande war ein junger, ein kluger Mann, es kam ihm vor, als säße er in einem glühenden Ofen; das griff ihn so an, daß er ganz mager wurde, selbst sein Schatten schrumpfte zusammen, der wurde viel kleiner, als er daheim war, die Sonne nahm auch den mit. - Sie lebten erst am Abend auf, wenn die Sonne untergegangen war. Es war eine Freude, es mit anzusehen. Sobald das Licht in das Zimmer gebracht wurde, streckte der Schatten sich ganz gegen die Wand hinauf, so lang machte er sich; er mußte sich strecken, um wieder zu Kräften zu gelangen. Der Gelehrte trat auf den Altan, um sich dort zu strecken, und sobald die Sterne in der herrlichen Luft erschienen,